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Nikolaus Nützel - Ihr schafft mich!

Im Rahmen der von der Jugendbibliothek Hoeb4U organisierten Lesungen für Jugendliche fanden sich in den frühen Morgenstunden des 11. September 2013 der Münchener Journalist und Sachbuchautor Nikolaus Nützel und der Philosophie-Kurs der siebten Klasse des Gymnasiums Johanneum in der  Bücherhalle Winterhude  ein.

Den freundlichen Applaus der Schülerinnen und Schüler für die begrüßenden Worte der Bücherhallenleitung Frau Blaesy nahm Nikolaus Nützel dann auch gleich als Einstieg ins Thema: In seinem Sachbuch "Ihr schafft mich!" stellt er gängige Normen und Regeln in Frage und gibt Anstöße Alltägliches zu hinterfragen.

Warum also klatscht das Publikum, wenn jemand eine Ansprache gehalten hat? Und warum applaudieren wir mit den Händen und nicht verbal? Das Beispiel der Donaldisten, die Beifall mit den Worten "Klatsch! Klatsch! Klatsch!" als Ableitung aus den Donald Duck-Comics bekunden, gab einen ersten Denkanstoß in eine andere Richtung.

Bevor es dann aber zu unkonventionell wurde, folgte Nikolaus Nützel kurzfristig einer gängigen Norm und stellte sich und seinen beruflichen Weg über Studium und journalistische Tätigkeit hin zum Jugendsachbuchautor kurz vor.

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Zum Einstieg ins Nachdenken und in die Diskussion über Normen und Regeln verteilte der Autor Zettel mit Fragen, die allesamt mit den Worten "Warum?" oder "Wie?" begannen und von den Schülerinnen und Schülern abwechselnd vorgelesen wurden.

Eindrucksvoll demonstrierte er dann, was schon die Wahl der Kleidung ausmacht indem er sich ein "cooles" T-Shirt anzog sowie Cap und Sonnenbrille aufsetzte. Derart zurechtgemacht war er natürlich kein bisschen cool für sein Publikum, sondern eher anbiedernd und vor allem auch peinlich. "Peinlich" - das Wort fiel im Laufe der Veranstaltung durchaus noch einige Male. Schließlich muss man damit rechnen als peinlich wahrgenommen zu werden, wenn man sich nicht an die gängigen Normen und gesellschaftlichen Regeln hält.

In kurzen Lesesequenzen und mit viel Raum für Diskussion nahm Nikolaus Nützel die Schülerinnen und Schüler mit durch sein Buch und in die verschiedenen Gedanken-Experimente.

Da wäre zum Beispiel die Frage nach Kleidungsstilen und -normen: Warum ziehe ich mich an, wie ich mich anziehe? Wirklich, weil ich selbst es so möchte? Woher weiß ich, dass ich nicht splitterfasernackt in der Öffentlichkeit herumspazieren darf? Und warum dürfen kleine Kinder das sehr wohl? Und weil alle auch etwas lernen sollten, erhellte der Autor die Anwesenden mit dem Fachvokabular "internalisieren", dass die (unbewusste) Verinnerlichung von Normen beschreibt.

Nächste Station war die Frage nach der Definition von Normalität und Krankheit. Mit erstaunlichen Zahlen einer Studie der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr 2011 wartete Nikolaus Nützel hier auf und übertraf dabei die Schätzungen der meisten Schülerinnen und Schüler: Von 100 Jugendlichen in Deutschland sind laut Definition dieser Studie 25 so stark psychisch gestört, dass sie behandelt werden müssten.

Um von diesem schweren Thema wieder zurückzufinden, verteilte Nikolaus Nützel Lollies an diejenigen, die sich aktiv beteiligt hatten und einen besonders großen an die fleißigste Schülerin. Diese lehnte jedoch dankend ab, denn in ihrem Lolli befand sich eine Kakerlake. Was von dem kleinen Exkurs über Manipulation und Bestechlichkeit (Stichwort: Lolli-Verteilung) direkt zum nächsten Denk-Anstoß führte: Nahrungstabus. Warum finden wir Scampi lecker, aber Mehlwürmer eklig? Warum halten Franzosen Froschschenkel für eine Delikatesse und wir drehen uns angewidert weg? Und warum hielt man zu früherer Zeit Maikäfersuppe in einigen Regionen Deutschlands für eine Delikatesse, findet heute aber fast keinen mehr, der diese als seine Leibspeise deklariert?

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Am Beispiel prominenter Politiker - zunächst dem des aktuellen Vize-Kanzlers und FDP-Vorsitzenden Philipp Rösler wurden anschließend Fragen zum Einfluss äußerer Umstände auf das eigene Leben, zu Rollenverhalten, Selbstbeobachtung und -bestimmung, gesellschaftlicher Gerechtigkeit und Rassismus gestellt, gedacht und diskutiert. Ein Foto des Bundesaußenministers und FDP-Mitglieds Guido Westerwelle veranlasste Publikum und Autor zur Auseinandersetzung mit dem Thema der gesellschaftlichen Akzeptanz von Homosexualität.

Als einfach umzusetzendes und doch kompliziertes Gedanken-Experiment gab Nikolaus Nützel den Schülerinnen und Schülern John Rawls "Eine Theorie der Gerechtigkeit" mit auf den Weg. Kurz zusammengefasst soll in diesem Gedanken-Experiment eine Gesellschaft konstruiert werden, die man, egal welchen Platz man in ihr einnähme (diesen kennt man zuvor nämlich nicht), als gerecht empfindet. Wie ein angemessenes Arbeitslosengeld oder ein gerechter Steuersatz aussieht, kann je nach gesellschaftlicher Position - ob nun Langzeit-Arbeitsloser oder Millionär - doch sehr unterschiedlich gesehen werden.

Mit einem Haufen Lollies und Fragen, zum Beispiel: Was ist wichtig? Was ist gut für? Was ist gut für alle? Warum drehe ich nicht durch? Warum bin ich normal? Und warum eigentlich "Warum?", entließ Nikolaus Nützel sein Publikum. Und weil dies aus besonders plietschen Jugendlichen bestand, wurde nicht im konventionellen Sinn geklatscht, sondern mit den Worten "Klatsch! Klatsch! Klatsch!" die rundum gelungene, nachdenklich stimmende, aber ebenso unterhaltsame Veranstaltung beendet.

Wenn du dir jetzt selbst viele Fragen stellst und neugierig geworden bist, findest du das Buch "Ihr schafft mich!" zum Nach- und Weiterlesen natürlich im Katalog der Bücherhallen Hamburg.

Außerdem gibt es auf der Seite der Hoeb4U in der Rubrik Specials unter Hoeb4U will’s wissen ein Interview mit Nikolaus Nützel.


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