Ausgabe vom 21.01.2011
Liebe Kunden, liebe Freunde der Bücherhallen,
heute erhalten Sie den achten von insgesamt 11 Jubiläums-Newslettern.
Auf die Frage nach dem Buch, das ihn besonders prägte, antwortete uns der Autor Gunter Gerlach: "Als Autor bin ich das Kind aller Bücher, die ich gelesen habe."
Selbstgeklebte Hefte, Autorenbegegnungen oder der Zugang zum Morgenland – in dieser Woche stellen elf Autorinnen und Autoren sowie andere Künstler ihr Lieblingsbuch vor und erzählen die persönliche Geschichte, die dahinter steckt.
Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen
Gabriele Rösch
PR und Kampagnen
P.S.: Weit mehr als 111 Gründe für die Bücherhallen haben unsere Kunden uns schon zugeschickt! Schreiben Sie uns Ihren - wir verlosen 2 Karten für das Imperial-Theater.
Der Rosengarten von Golestan Saadi gehört zu den klassischen Werken der persischen Literatur. Saadi führt mit Anekdoten und Gedichten durch die bunte Welt Persiens und des Islams. Es ist immer meine erste Empfehlung an jene, die mit Scheu und Angst auf den Orient schauen, aber auch an jene, die sich mit Neugier und Interesse dieser Welt öffnen möchten. Der Rosengarten öffnete mir den Zugang zu der Literatur meiner Väter und ich öffnete durch die wirklich hervorragende deutsche Übersetzung meinen Zuschauern die Tür zum Morgenland.
Foto - Jan Brandes
Früher als ich Kind war gab es bei mir um die Ecke – das war in Paris – eine Bücherhalle. Wir – die Kinder des Viertels – wussten nicht so richtig, was das ist und machten einen grossen Bogen drumrum.
Einmal bin ich reingegangen, um zu gucken was das überhaupt ist. Und Überraschung: es gab nicht nur Bücher, sondern auch eine Dame, die uns Kinder, Bücher empfohlen hat. Ohne sie wäre ich wahrscheinlich nicht wieder reingegangen. Aber sie hatte diese seltenen Fähigkeit, den Kindern ernst zu nehmen, unsere Interessen abzufragen und uns dann den richtigen Buch zu empfehlen. Dank dieser Dame habe ich viel gelesen. Nur eines hat sie mir nie empfohlen: ein Buch über deutsche Grammatik. Daher die vielen Fehlern in diesem Statement.
Foto - Autor
Ich erinnere mich besonders an die Lektüre von Peter Handkes frühen Büchern, die ich über die Jahre allesamt aus der Bücherhalle auslieh. Es war damals von Seiten der Bücherhallen üblich, ein kurzes Inhaltsverzeichnis vorn in jedes Buch zu kleben, eine mit der Maschine geschriebene Leseorientierung. Ich war jung, ein junges Genie, und nur selten mit einer Zusammenfassung einverstanden. Aber ... ich muss gestehen, dass ich mir irgendwann sogar nur seiner Zusammenfassung wegen ein neues Buch von Peter Handke auslieh – denn ich hatte mir längst angewöhnt, nach beendeter Lektüre selbst eine kurze Inhaltsangabe zu schreiben und damit die offizielle zu überkleben. O Bücherhalle, verzeih.
Foto - G2 Baraniak
Mein erstes Erwachsenenbuch las ich mit 11 und es absorbierte mich völlig: Der Bastard von Brigitte von Tessin, eine Geschichte über den ewigen Kampf zwischen Liebe und Machtstreben, angesiedelt zur Zeit des Sonnenkönigs in Frankreich. Später hat mich dann 100 Jahre Einsamkeit von Gabriel Garcia Márquez nahezu erweckt. Ein unglaubliches Buch! Schillernd und phantastisch und in einer Sprache, die mir den Atem verschlug...
Foto - Estuar
Der König auf Camelot von T.H. White ist das Buch, das ich mit auf die einsame Insel nehmen würde. Es ist tragisch und unendlich komisch, sehr gut geschrieben – kurz, unvergesslich, vor allem, wenn man, wie ich, die Koenig-Artus-Geschichte liebt. Denn die wird hier auf moderne und sehr weise Art nacherzählt. Der Disneyfilm Merlin und Mim beruht übrigens auf dem (sehr verkürzten) ersten Teil: Das Schwert im Stein. Mein Buch Igraine Ohnefurcht ist meine Liebeserklärung an T.H. Whites Meisterwerk.
Foto - Javier Salas
Ich habe kein Lieblingsbuch, aber natürlich Bücher, die ich mit großer Begeisterung und unermüdlicher Neugierde gelesen habe. Notfalls mit Taschenlampe unter der Bettdecke. Zwischen meinem 15. und 25. Lebensjahr hatte ich einen kleinen Teil der Weltliteratur durch. Darunter "Kaputt" von Malaparte, ich muss es unbedingt wieder lesen, habe damals vermutlich nichts verstanden.
Mein erstes Buch war ein Heft. Zweimal total ausgebombt, vier Kinder, hatten wir zu Hause kaum Bücher. Meine Eltern hatten andere Sorgen und wenig Geld. Später habe ich mir die Rororo-Taschenbücher nach Titeln und Bildern auf dem Cover ausgesucht und gekauft. "Liebe – Brot der Armen" von Thyde Monnier, bestimmt 30 Romane von Balzac.
Das besagte Heft bekam ich mit ca. vier oder fünf Jahren geschenkt. Ein älterer Junggeselle aus unserem Mietshaus hatte es für mich zusammengebastelt, aus Zeitungsausschnitten, Zeitschriften, Tierbildern, Damen in Abendroben, kleinen Texten, die er dazu erfand usw. Die Seiten hatten die Größe von DIN A4-Bögen, mit dickem Band zusammengehalten. Also riesig für mich damals und nur auf dem Bauch liegend zu händeln.
Als Ergänzung sammelte ich Gustavliebigsfleischextraktbildergeschichten. Kleine, sehr schön und filigran gemalte Kärtchen, schwer zu ergattern. Einen Spruch darauf habe ich nie vergessen: "Niemand wandelt ungestraft unter Palmen!" Ich weiß bis heute nicht, was das bedeuten soll. Vielleicht "Achtung, Kokosnüsse!". Es waren Fortsetzungsgeschichten über die Historie verschiedener Länder aus Europa, dem Orient oder dem geheimnisvollen Afrika. Dunkelhäutige Menschen in bunten, fremdartigen Gewändern, auf Kamelen und Elefanten reitend, mit Macheten Zuckerrohr schlagend. Ich bin immer noch von Afrika, dem Orient, seinen Menschen, Tieren und Landschaften fasziniert. Euphrat und Tigris, Mesopotamien – Wörter, die mich begeisterten, meine Fantasie anregten.
Als Jugendbücher noch in Erinnerung sind mir "Ich spucke gegen den Wind", "Schneller Fuß" und "Pfeilmädchen" (eine Indianergeschichte), "Das rote U" und "SABU – Das Dschungelbuch" (später dazu dann der Film). Die Namen der Autoren dieser Bücher habe ich vergessen.
Foto - Christian Kaiser
Dauerhaft inspiriert haben mich viele Bücher – und das seit Kindestagen. Von Tim & Struppi über den "Gepäckschein 666", Stevensons "Schatzinsel", Kästners "35. Mai" zu George Orwells "Auftauchen", um Luft zu holen, den Gedichten Benns und Celans, surrealistischen Texten sowie deutschsprachiger und angloamerikanischer Experimental-Literatur der 60er und 70er Jahre… Durch Bücherhallen habe ich vor allem in den ersten zwanzig Jahren meines Lebens eine unglaubliche Bandbreite an Literatur preisgünstig genießen können. Derzeitiges Lieblingsbuch: Kurze Interviews mit fiesen Männern von David Foster Wallace.
Foto - Kirsten Heuer
Hergé: Die sieben Kristallkugeln.
Die Verhandlungen gestalten sich ausgesprochen zäh. Ich stehe mit meinen sechs Jahren bei Spielzeug Dluzak im Jenfelder Einkaufszentrum, bleibe stur und bestehe auf diesen Tim & Struppi-Band. Und da ich meinen Teil der Verabredung gehalten habe – ich habe meinen Mund beim zweiten Zahnarztbesuch meines Lebens nun doch das erste Mal aufgesperrt im Behandlungsstuhl –, hält meine Mutter schließlich auch ihren Teil der Verabredung. Nie wieder habe ich so hart um ein Buch kämpfen müssen. Es sei nichts für Kinder und streng genommen nicht einmal ein Buch, sondern ein Comic, behauptet meine Mutter noch nach dem Kauf. Aber da gehören die 64 Seiten bereits mir. Und meine Faszination kommt (was mir, zugegeben, erst später aufgeht) nicht von ungefähr: Denn die Verwandtschaft der schmucklosen Jenfelder Hochhausblocks aus Waschbetonplatten, in denen ich zuhause bin, mit Hergés ligne claire genanntem Zeichenstil kann offensichtlicher kaum sein. Jedes Bild ist so weit wie möglich von allem Unnötigen befreit. Ebenso die Geschichte mit den fantastischen Figuren. Allen voran, na klar, der dauerfluchende Haddock sowie die untauglichen Detektive Schulze und Schultze haben es mir kleinem Burschen angetan. Mein Geschmack wird sich danach kaum noch ändern: Schnell, klug, vermeintlich einfach und doch hoch komplex, dazu alles abgeschmeckt mit feinsinnigem Humor: So muss Literatur sein. Kein Wunder, dass dieser Klassiker zum Bestand der Bücherhallen zählt. Status grundsätzlich: derzeit entliehen.
Foto - a_mo
Ein prägendes Lieblingsbuch habe ich nicht, es gibt da viele. Im Zusammenhang mit den Bücherhallen erinnere ich mich aber gerne an meine erste "Erwachsenen-Literatur", an Richard Brautigan, Sjöwall und Wahlöö, Ephraim Kishon, Günter Grass und John Irving. Sie alle habe ich, wie überhaupt meine Liebe zur Literatur, als Jugendlicher in der öffentlichen Bücherei entdeckt.
Foto - Stefan Malzkorn
Als ich ein Schüler war, verbrachte ich meine Sommerferien regelmäßig mit meinen Eltern und meinen beiden Schwestern am Lago Maggiore. In einem Sommer hatte ich zwei Kinderbücher von Wolfdietrich Schnurre dabei, die ich mir zu meinem achten Geburtstag gewünscht hatte: "Die Zwengel" und "Der Meerschweinchendieb". Von Freunden erfuhren wir, dass der Autor dieser Bücher selbst ein Ferienhäuschen am Lago Maggiore habe, gar nicht weit von unserem Strand, gleich dort oben auf dem Monte Sole. Meine Mutter ermutigte mich, hinaufzugehen und mir die Bücher signieren zu lassen.
Als ich die steile Straße zum Haus von Wolfdietrich Schnurre erklomm, pochte mein Herz vor Aufregung und Angst: Was, wenn ich nun ungelegen kam? Wenn er gar keine Kinder mochte? Wenn er einen großen bissigen Hund hatte? Auf halber Strecke dachte ich daran, umzukehren, aber was hätten meine Eltern dann von mir gedacht? Also nahm ich all meinen Mut zusammen und klingelte an der Tür des Schriftstellers. Ein großer freundlicher Mann öffnete, sah zu mir herab und rief überrascht: "Na, wer bist du denn?" Ich brachte kein Wort heraus und hielt ihm nur die beiden Bücher hin. Er bat mich hinein, bot mir Saft und Kekse an, stellte mich seiner Frau Marina vor und schrieb mir wundervolle Widmungen in beide Bücher: "Damit Bastian in einem Jahr wiederkommt". Das habe ich dann auch gemacht. Und beim zweiten Mal hatte ich auch keine Angst mehr. Im Gegenteil, ich konnte es kaum erwarten, Wolfdietrich Schnurre davon zu erzählen, dass ich inzwischen selbst angefangen hatte, Geschichten zu schreiben. Er fragte, ob er sie sehen dürfe, und ich gab sie ihm. Er nahm sie so behutsam in die Hand, als wären sie ein Schatz. Dann verriet er mir, dass er es sehr bedauere, seine eigenen frühen Versuche irgendwann allesamt verbrannt zu haben. Ich gelobte ihm, das mit den meinen nicht zu tun. Und so habe ich bis heute alles aufgehoben – einschließlich meines ersten Diktats.
Jahre später habe ich Wolfdietrich Schnurre noch einmal wiedergesehen: Bei einer Lesung in Plön. Ich war inzwischen ein junger Mann von fast 19 Jahren, der seinen Wehrdienst ableistete. Und Schnurre war mit seinen Romanen "Der Schattenfotograf" (1978) und "Ein Unglücksfall" (1981) in die erste Garde der deutschen Literatur aufgerückt. Ich zeigte ihm meine beiden signierten Kinderbücher und sagte: "Guten Tag, Herr Schnurre, erinnern Sie sich noch an mich?" Er nickte und strahlte: "Der Bastian! Aber natürlich!"
Wenn er wüsste, dass später aus mir auch ein Schriftsteller geworden ist, würde er sich bestimmt sehr freuen. Leider hat er das nicht mehr erlebt. Er starb 1989 im Alter von 68 Jahren. An unsere Begegnungen denke ich jedesmal zurück, wenn ich beim Signieren einen kleinen Jungen vor mir stehen sehe, der mich aus ängstlich-aufgeregten Kulleraugen anblickt und mir wortlos eines meiner Bücher entgegenstreckt. Dann geht mir das Herz auf wie ein rot lackierter Fensterladen an einem sonnigen Morgen am Lago Maggiore.
Foto - Zitzlaff
Ein Buch, das es nicht wert ist, zweimal gelesen zu werden, sagte Jean Paul, ist es auch nicht wert, einmal gelesen zu werden.
Knut Hamsuns Mysterien lese ich alle paar Jahre wieder, aber nicht, weil es so schwierig wäre oder so klug oder so hintergründig, sondern eher, weil seine atmosphärische Verdichtung solchen Sog besitzt. Diese kleine norwegische Hafenstadt, in der ein Fremder im gelben Anzug eintrifft, Verwirrung stiftet, sich verliebt, unglücklich wird und alle Verhältnisse verändert, möchte man lesend immer weiter entziffern. Die Figur des Protagonisten, eines Helden des ironischen Lebensführung, eines Flaneurs und Hochstaplers, sie ist selbst so wenig solide und doch das Ferment, das diese Welt zersetzen oder von ihr zersetzt werden wird.
Hamsun ist ein Meister des Zarten. Er erzählt vor allem jene Geschichten, die er nicht erzählt, und die nur der Leser zusammensetzen kann: Es wird nicht ausgesprochen, aber handelt diese Figur so oder so, dann muss sie verliebt sein oder verzweifelt oder verloren. Musil schrieb einmal, Hamsun habe "die Natur geistfähig gemacht". In "Mysterien" setzt er dem provinziellen, naturnahen Leben der Kleinstadt den Sarkasmus des urbanen Spötters und Dekadents entgegen, hält beide in einer so atemberaubenden Spannung und setzt sie gegeneinander so sehr ins Recht, dass man als Leser kaum schwankender und kaum glücklicher werden kann als bei der Lektüre von "Mysterien".
Foto - Anita Affentranger