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"Wie war das damals eigentlich?" - Wilhelmsburger Zeitzeugen erinnern sich an die Jahrhundertflut 1962

06.02.2012

Frau von Eitzen, Leitung der bücherhalle Wilhelmsburg eröffnet Veranstaltung zum Thema _50 Jahre Flutkatastrophe in Hamburg_

Mit fast 60 Personen bis auf den letzten Platz besetzt, startete am Abend des 2. Februar 2012 in der Bücherhalle Wilhelmsburg die Veranstaltung mit Zeitzeugenberichten über die 50 Jahre zurückliegenden Flutkatastrophe, die den Stadtteil Wilhelmsburg besonders getroffen hatte.

Sabine von Eitzen, Leiterin der Bücherhalle Wilhelmsburg, begrüßte die Gäste und gab zunächst einen chronologischen Überblick über die Geschehnisse der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962. Ihr Vortrag wurde mit Fotos, die das Ausmaß der Katastrophe veranschaulichten, ergänzt. Anschließend erhielten die Zeitzeugen das Wort.

Für viele Anwesende wurden bei deren Schilderungen eigene Erinnerungen wach, die sie gern mitteilten. Die jüngeren Besucher und diejenigen, die erst in den letzten Jahren auf die Elbinsel gezogen waren, verfolgten bestürzt und gebannt die Schilderungen aus der jüngeren Geschichte ihres Stadtteils.

Die Berichte zeigten, wie unterschiedlich die Wilhelmsburger die Katastrophe erlebt haben, die die meisten völlig unvorbereitet überraschte.

Am Schlimmsten traf es natürlich die Menschen, die in ihren Familien Todesopfer zu beklagen hatten. Andere, deren Wohnungen komplett unter Wasser standen, konnten zwar glücklicherweise ihr Leben retten, verloren aber  ihren gesamten Besitz. Diejenigen, die in den höher gelegenen Mietwohnungen lebten, behielten zwar unversehrte Wohnräume, litten aber unter Hunger und Kälte.

Binnen kürzester Zeit war Wilhelmsburg vom Wasser eingeschlossen und die Stromversorgung zusammengebrochen. Die Informationen, die über das Radio verbreitet wurden, erreichten nur noch die Besitzer eines batteriebetriebenen Radios.

Zeitzeugen berichten über die Flutkatastrophe 1962

Einige Bewohner erkannten zwar rechtzeitig die drohende Gefahr, aber wussten nicht, wohin sie sich in dieser kalten Sturmnacht retten sollten, denn nicht jeder hatte Verwandte in anderen Stadtteilen, um sich dort in Sicherheit zu bringen.

Trotz des traurigen Themas, gab es aber auch heitere Schilderungen. So zum Beispiel als eine Zeitzeugin erzählte, dass ihre erste Sorge dem an diesem Tag gekauften Schweinebraten gegolten hatte. Unter dem Lachen der Zuhörer berichtete sie stolz, dass sie den Braten noch fertig bekommen hatte, bevor der Strom ausfiel. Es folgten verschiedene Berichte der Zuhörer, wie sie sich mit fantasievollen Improvisationen über diese Tage retteten.

Als ein Zeitzeuge berichtete, dass es ihm erst nach einer Woche gelungen war, seine Eltern zu finden – zum Glück hatten beide Elternteile überlebt - erhielten auch die Besucher, die die Flutkatastrophe selbst nicht miterlebt haben, eine Ahnung von der Angst und dem Schrecken dieser Tage.

Der Zeitzeuge war zu Fuß zu seinem im Stadtteil Horn lebenden Cousin gewandert und hatte sich dort in Sicherheit gebracht. Am nächsten Tag meldete er sich als freiwilliger Helfer, da er den Stadtteil gut kannte. Er berichtete, dass etliche Schlauchboote, mit denen die Rettungskräfte unterwegs waren, durch überflutete Stacheldrahtzäune beschädigt wurden und sanken. Dabei ertranken mehrere als Helfer eingesetzten Bundeswehrsoldaten.

Ganz anders erlebten viele Kinder, deren Familien nicht direkt betroffen waren, die Katastrophe. Für sie war der Ausnahmezustand eher ein aufregendes Abenteuer, erinnerte sich eine Wilhelmsburgerin.

Sie berichtete weiter, dass die Schüler der Schule Fährstraße, nachdem der Schulbetrieb wieder aufgenommen werden konnte, ein "Fluttagebuch" schrieben. Dort schilderten die Kinder, wie sie die Flutkatastrophe erlebt hatten. Interessiert wurde ihr Fluttagebuch, das sie mitgebracht hatte, betrachtet und durch die Sitzreichen gereicht.

Wilhelmsburgerin mit einer Medaille für die Flutkatastrophenhelfer 1962

Eine Besucherin zeigte den Orden, der ihrem Mann für seine Rettungsdienste verliehen worden war, sowie ein kleines Buch, in dem die Flutopfer namentlich aufgeführt waren. 222 der mehr als 300 Todesopfer, verloren ihr Leben in Wilhelmsburg.

Der Sanddeich, in den Kaninchen und Ratten unzählige Löcher gegraben hatten, konnte der Sturmflut nicht standhalten. Die Wut und Empörung darüber, dass diese Katastrophe zu verhindern gewesen wäre, wenn nicht am Deichschutz gespart worden wäre, ist auch 50 Jahre nach der Katastrophe unvermindert groß.

Bis heute kommt bei jedem großen Sturm die Erinnerung an die zurückliegende Katastrophe und die Angst vor einer Wiederholung zurück. Verstärkt wird diese Furcht durch die geplante Elbvertiefung, die das Risiko einer erneuten Überflutung aus Sicht der Wilhelmsburger weiter verstärkt.

Vom Thema aufgewühlt, fanden sich viele Teilnehmer nach Beendigung der Veranstaltung in kleinen Gesprächsgruppen zusammen. Andere nutzten die Gelegenheit, in den bereitgelegten Büchern zu blättern, oder sich die Ausstellung mit privaten Fotos der Flutkatastrophe anzusehen.

Der Grundstock für diese Ausstellung wurde bereits 1982 gelegt. Die damalige Bücherhallenleiterin Barbara Schmidt startete damals einen Aufruf in der Zeitung und bat um private Fotos. Mit Sondermitteln des Ortsamtes wurden Abzüge und Vergrößerungen der Fotos finanziert.

Der damalige Ortsamtsleiter eröffnete in der Bücherhalle Wilhelmsburg, die sich zu der Zeit noch in der Veringstraße befand, die Fotoausstellung zum Gedenken an die damals 20 Jahre zurückliegende Flutkatastrophe.

Die Ausstellung, die noch bis zum 28. Februar 2012 in der Bücherhalle Wilhelmsburg gezeigt wird, umfasst 200 eindrucksvolle Fotografien, die zum Teil an den Wänden hängen und zum Teil in digitalisierter Form auf einem großformatigen Fernsehbildschirm präsentiert werden.

Hier finden Sie weitere Informationen und Veranstaltungen zum Thema "50 Jahre Sturmflut in Hamburg".


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