Im Herbst 2003 feierte die Bücherhalle Wilhelmsburg ihren 100. Geburtstag.
Vor 100 Jahren, um 1900, war Wilhelmsburg ein ansehnlicher Industriestandort mit etwa 20.000 Einwohnern. Von dem ehemaligen Marschendorf ist heute nicht mehr viel zu sehen. Ein großes Rathaus entsteht, Vogelhüttendeich, Fährstraße und Veringstraße werden ausgebaut.
Gründung der "Volksbibliothek zu Wilhelmsburg" durch Heinrich Meyer, dem Rektor der Schule Fährstraße (damals Schule III genannt). Die Bibliothek beginnt mit einem Bestand von 84 Bänden (heute sind es 19.743 Medien), das Lehrerzimmer der Schule dient als Ausgabestelle. Ausleihe und Rücknahme der Bücher sind nur am Ende der täglichen Schulzeit möglich. Diese erste Wilhelmsburger Bücherei ist eine sogenannte Thekenbibliothek. Die Benutzer haben keinen direkten Zugang zu den Büchern, der Bibliothekar bzw. der Lehrer sucht die Bücher für die Leser heraus.
Jeder Einwohner Wilhelmsburgs kann sich eine "Erlaubniskarte" zur Benutzung der Bibliothek ausstellen lassen.
Jede Entleihung kostet 5 Pfennige, die Leihfrist beträgt 2 Wochen.
Der Lehrer Gustav Bosenick leitete die Volksbibliothek Wilhelmsburg von 1903 - 1913.
1905 gab es bereits 5 Ausgabestellen in Wilhelmsburger Schulen: Schule Fährstraße, Schule Rotenhäuser Damm, Schule Georgswerder, Schule am Ernst-August-Kanal, Schule am Bahnhof.
In allen 5 Wilhelmsburger Ausgabestellen werden in diesem Jahr zusammen 471 Bücher entliehen.
Am 1. Oktober 1905 wird die erste "Lesehalle" der "Volksbibliothek zu Wilhelmsburg" in der Fährstr 57 (heute Fährstraße 79) eröffnet. 1909 wechselt die Volksbibliothek in die Fährstraße 47 (heute Fährstraße 69). 1912 zieht die Volksbibliothek in die Kurze Straße 5 um (heute Otterhaken / Ecke Rudolfstraße). In diesen Räumen bleibt die Bibliothek bis Juli 1930. Der Bestand wächst auf 3.000 Bände an.
Die Volksbibliothek zu Wilhelmsburg bezieht neue, größere Räume in der Veringstraße 69. Der vorhandene Buchbestand wird auf 3.500 Bände ergänzt. Die Bibliothek ist jetzt eine Zweigstelle der Stadtbücherei Harburg – Wilhelmsburg. Beide Stadtteile waren 1927 vereinigt worden.
Anhand eines "Säuberungskatalogs" müssen unerwünschte Bücher aus dem Bestand der Stadtteilbibliothek entfernt werden. Die hauptamtliche Bibliothekarin muß gehen. Die Bibliothek wird nur noch zweimal wöchentlich plus (anfangs) Sonnabends von Harburg aus an wenigen Nachmittagsstunden betreut. Die Folge ist ein starker Benutzungsrückgang.
Am 1. April 1937 tritt das "Groß-Hamburg-Gesetz" in Kraft. Im Rahmen der Eingemeindung der Stadt Harburg-Wilhelmsburg in "Groß-Hamburg" wird die Stadtbücherei Wilhelmsburg der "Hamburgischen Fachstelle für das Volksbüchereiwesen" unterstellt.
Die Stadtbücherei Harburg wird mit ihren Zweigstellen Teil der Hamburger Öffentlichen Bücherhallen.
1944 wird die Bücherhalle Wilhemsburg zerstört. Ein geringer Teil des Bestandes wird gerettet und in der Volksschule Kurdamm, später im Saal einer Gaststätte in Kirchdorf gelagert.
Die Bücherhalle Wilhelmsburg wird in einem kleinen Laden in der Fährstraße 62 mit 3.200 Bänden wiedereröffnet. Im August 1950 kann die Bücherhalle mit Hilfe der "Deutschen Wohnungsbaugesellschaft Harburg" größere Räume in der Veringstraße 65 – 67 beziehen. In diesen Räumen bleibt die Bücherhalle bis 1999.
1953 wird die Bücherhalle auf das Freihandsystem umgestellt und es wird eine Kinderbücherei eingerichtet. Erst jetzt können die Leser direkt an die Regale und sich dort selbst ihre Bücher aussuchen. Bis 1962 wächst der Buchbestand auf 12.000 Bände an.
Die Flutkatastrophe, von der Wilhelmsburg besonders schwer betroffen ist, vernichtet ungefähr 1.800 Bücher und verwüstet die Räume der Bücherhalle. Mit Hilfe von 25.000 DM Sondermitteln können die Schäden gemildert werden. Am 15. Oktober 1962 wird die Bücherhalle nach langer Renovierungspause wieder eröffnet.
Im Juli 1971 wird die Ausleihfläche der Bücherhalle vergrößert. Die Büroräume werden in die erste Etage des Hauses verlegt. Somit kann das ganze Untergeschoss für die Ausleihe genutzt werden.
In der Zeit von 1983 - 1988 kann die Bücherhalle mit Hilfe von bibliothekarischen ABM-Kräften eine intensive Kinderarbeit aufbauen. In der Zeit von 1985 – 1995 arbeitet der türkische Schriftsteller und Lehrer Dursun Akcam in der Bücherhalle Wilhelmsburg. Er übernimmt die Rolle des Mittlers zwischen Deutschen und Türken. Er organisiert zweisprachige Lesungen mit bekannten türkischen Autoren.
1986 entsteht in Zusammenarbeit mit den Wilhelmsburger Schulen ein Mal-, Aufsatz- und Gedichtwettbewerb, an dem sich mehr als 200 Jungen und Mädchen beteiligen. Zur Abschlussveranstaltung im Bürgerhaus, einem internationalen Fest, kommen fast 1000 Wilhelmsburger. Unter anderem tritt dort auch Wolf Biermann auf. In der Broschüre "Bir Demet" werden die besten Schülerarbeiten in deutscher und türkischer Sprache veröffentlicht.
Im Jahr 1987 erstellt die Bücherhalle Wilhelmsburg eine Fotoausstellung: "Die Sturmflut von 1962 und ihre Folgen in Wilhelmsburg". Innerhalb kurzer Zeit erhält die Bücherhalle von Wilhelmsburger Bürgern 1.500 Fotos, Dias und Negative. Von ungefähr 250 ausgewählten Fotos werden Abzüge und Vergrößerungen angefertigt. Die Ausstellung stößt auf sehr großes Interesse.
Die Bücherhallen Wilhelmsburg und Kirchdorf organisieren gemeinsam mit dem Bürgerhaus Wilhelmsburg ein Internationales Kulturfest. Internationale Künstler wie zum Beispiel Melike Demirag, Fuat Saka und Sivan Perwer treten im Bürgerhaus Wilhelmsburg auf. Es kommen rund 1.500 Besucher.
Mit dem Projekt Bildwege erstellen 1991 zwei Hamburger Fotografen ein Porträt von Wilhelmsburg und seinen Bewohnern, unter anderem auch von den Mitarbeiterinnen der Bücherhalle Wilhelmsburg.
Von September 1992 bis April 1993 wird die Bücherhalle auf EDV umgestellt und gründlich renoviert.
Im November 1998 soll die Bücherhalle Wilhelmsburg Sparmaßnahmen zum Opfer fallen. Wilhelmsburger Bürger organisieren eine Demonstration gegen die Schließung ihrer Bücherhalle. Nach 49 Jahren hat die Bücherhalle Wilhelmsburg am 30. April 1999 ihren letzten Ausleihtag in der Veringstraße 65- 67.
Am 31. Mai 1999 wird die Bücherhalle Wilhelmsburg am Vogelhüttendeich 45 von der Kultursenatorin Dr. Christina Weiß wieder eröffnet. Der Protest der Wilhelmsburger Bevölkerung hatte Erfolg. Der Neubau wurde von der Stadtentwicklungsbehörde geplant und finanziert.
Ende Oktober 2000 beginnt das Projekt Hausaufgabenhilfe in der Bücherhalle Wilhelmsburg. An drei Nachmittagen können Kinder Hilfe bei den Hausaufgaben bekommen. Diese Hilfe wird von Honorarkräften übernommen, die Mittel bekommt die Bücherhalle zunächst aus dem Verfügungsfond für das Sanierungsgebiet Wilhelmsburg S4.
Die Bücherhalle Wilhelmsburg hat einen Bestand von 19.743 Medien. Seit dem Umzug in den Vogelhüttendeich stieg die Ausleihe um 21,2% von 62.000 ME (1998) auf 75.120 ME (2002). Die Besucherzahlen nahmen um 76% zu, von 40.608 (1998) auf 71.745 (2002).