Bücherhalle Kirchdorf "Unerwünscht" - Lesung und Gespräch

05.07.2017

Wie fühlt man sich, wenn man das Land, in dem man zuhause ist, seine Wohnung, die vertraute Umgebung, Familie und Freunde ohne Vorwarnung von einem zum anderen Tag verlassen muss?

Autorenlesung

Die drei Brüder Mojtaba, Masoud und Milad Sadinam haben dies erlebt und sehr anschaulich in ihrem Buch "Unerwünscht" beschrieben.

Vor mehr als 50 Besuchern unterschiedlicher Altersstufen und Nationalitäten lasen und erzählten die Zwillinge Masoud und Mojtaba am 29. Juni 2017 in der Bücherhalle Kirchdorf ihre Geschichte und regten interessante Diskussionen an. 

Um ihrer Verhaftung zu entgehen, ist die regimekritische Mutter, die sich für Frauenrechte eingesetzt und Flugblätter verteilt hat, 1996 gezwungen, den Iran zu verlassen. Gemeinsam mit ihren Söhnen, den damals 11jährigen Zwillingen und dem 9jährigen Milad flieht sie nach Deutschland.

In diesem fremden Land, dessen Sprache sie weder sprechen noch verstehen können, werden die Familienmitglieder zunächst von einem Asylantenheim zum anderen in verschiedenen deutschen Städten untergebracht. Schließlich bekommen sie in einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen eine düstere Wohnung zugewiesen, wo die Mutter, die nicht arbeiten gehen darf, mit Bangen auf das Ergebnis der Asylantragsprüfung wartet.  

Nach einem Jahr kommt das amtliche Schreiben. Der Asylantrag wurde abgelehnt!  Die Familie ist fassungslos. Zum Glück treffen sie Menschen, die sie unterstützen und ihnen zur Seite stehen. Ein Anwalt legt Widerspruch für sie ein. Bis sie eine Antwort erhalten, vergehen vier Jahre. Erst 2005, nach neun langen Jahren, inzwischen hoch verschuldet, da der Anwalt der Familie den Klageweg durch alle Instanzen beschreiten muss, erhält Frau Sadinam endlich ihre Niedererlassungserlaubnis.

In dem 2012 veröffentlichten Buch schildern die Brüder aus wechselnden Perspektiven, was es bedeutet, in einem fremden Land zu leben, dessen Sprache man nicht versteht, plötzlich kein Geld mehr zu besitzen, die Wohnung und den Wohnort nicht frei wählen zu dürfen und auf Kleiderspenden angewiesen zu sein. 

Eindringlich beschreiben sie ihr Leben, das von Behördenwillkür und ständiger Angst vor der Abschiebung geprägt ist. Sie erzählen von den physischen und psychischen Auswirkungen und wie es ihnen trotzdem gegen alle Widerstände gelingt, erfolgreich das Gymnasium abzuschließen und ihren Platz in Deutschland zu finden.

Autorenlesung in der Bücherhalle Kirchdorf

Seitdem sind mehr als 20 Jahre vergangen, aber die Geschichte der Familie Sadinam hat leider nicht an Aktualität verloren, sondern steht immer noch stellvertretend für viele Flüchtlingsschicksale.

Vielen Dank Mojtaba und Masoud Sadinam für die offenen, informativen und anregenden Gespräche!

Kooperationsveranstaltung mit dem "Zentrum für Mission und Ökumene - Nordkirche weltweit" und "umdenken Heinrich-Böll-Stiftung Hamburg e.V. / gefördert von der Landeszentrale für politische Bildung".