Zentralbibliothek Harbour Front: "Für die Freiheit des Wortes"

18.09.2017

Die Bücherhallen Hamburg freuen sich, als Programmpartner des Harbour Front Literaturfestivals das diesjährige Schwerpunktthema "Türkei" zu präsentieren. Drei aufeinanderfolgende Lesungen gaben am Sonntag, 17. September 2017, unter dem Motto "Für die Freiheit des Wortes", in der Zentralbibliothek Einblicke in die vielfältige, zeitgenössische Literatur der Türkei.

Podiumsdiskussion in der Zentralbibliothek

Zum Auftakt wurde das literarische Werk der Schriftstellerin Aslı Erdoğan vorgestellt und in einer Podiumsdiskussion Einblick in die Lage der Schriftsteller und Journalisten in der Türkei gegeben. Die Schauspielerin Katharina Schütz las in Abwesenheit der Autorin aus deren Buch "Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch".

Aslı Erdoğan, der in der kommenden Woche der  Remarque-Friedenspreis verliehen wird, wurde nach 132 Tagen aus der Haft entlassen, wartet aber noch auf ihren Prozess. Der Vorwurf: "Propaganda für eine terroristische Vereinigung" -  die häufigste Anklage seit dem Putschversuch 2016. Umso erstaunlicher, dass sie inzwischen ihren Pass zurück erhalten hat und vermutlich den Preis in Osnabrück am 22. September persönlich entgegennehmen kann.

Interview mit Autorin Aslı Erdoğan per Skype in der Zentralbibliothek

In einem bewegenden Skype-Interview, dass Regula Venske, Präsidentin des PEN Zentrum Deutschland mit der Autorin führte, erzählte diese von ihrer belastenden Situation im "Open Air Gefängnis" Türkei, die auch dazu führt, dass sie sich zur Zeit nicht aufs Schreiben konzentrieren kann. 

Ihre kritischen Texte haben sie zu einer Symbolfigur für Frieden und Freiheit gemacht, und wenn auch ihre Stärke zeitweilig in Depressionen umschlägt, begehrte sie dann doch kämpferisch auf: "Journalismus ist kein Verbrechen, Frieden ist kein Verbrechen, Solidarität ist kein Verbrechen! Ich möchte mich nicht an der Ermordung von Menschen, Werten und Wahrheit beteiligen. Frieden und Freiheit zu verteidigen ist kein Verbrechen und keine Heldentat, sondern unsere Pflicht!"

Schauspielerin Katharina Schütz

Für Aslı Erdoğan ist es eine Mission, sich für Werte wie Leben und Würde und gegen Ungerechtigkeit und Willkür einzusetzen. Die ihr entgegengebrachte Solidarität empfindet sie als tröstlich und bestärkend. Wie kann man unterstützen? Durch Spenden in Rechtshilfefonds, indem man darüber schreibt, mit Lesungen und Fernsehdokumentationen. Aslı Erdoğan ist es ein wichtiges Anliegen zu zeigen, dass die Türkei auch aus Menschen besteht, die unter Einsatz ihrer Freiheit und ihres Lebens sich nicht den Mund verbieten lassen!

In der zweiten Veranstaltung waren Esmahan Aykol und Petros Markaris zu Gast. Moderatorin Birgit Hasselbusch sprach mit ihnen über Heimat und die Liebe zu Istanbul, die beide Autoren teilen. Die gegenwärtigen Veränderungen in der Stadt betrachten die Schriftsteller mit großer Sorge und Trauer. 

Petros Markaris, Esmahan Aykol und Birgit Hasselbusch

Petros Markaris, der als Sohn einer griechischen Mutter und eines armenischen Vaters in Istanbul geboren wurde, erklärte: "Ich habe keine Heimat, nur eine Heimatstadt - Istanbul. Nun, in meinem 80. Lebensjahr, wird mir auch diese genommen, das ist bitter."

Auch Esmahan Aykol, die noch in Istanbul lebt, befürchtet die Stadt, die sich so sehr verändert, bald verlassen zu müssen.  Sie gab zu, sich in Deutschland freier zu fühlen. Momentan schreibt sie in Meran an einem politischen Thriller, der von den Ereignissen des vergangenen Jahres inspiriert ist. Ob ihr Verlag den Roman veröffentlichen wird, ist ungewiss. 

In der Zentralbibliothek präsentierte sie den Roman "Istanbul-Tango", aus ihrer Krimireihe um die Istanbuler Buchhändlerin Kati Hirschel. Schauspielerin Annalena Schmidt las die deutschen Passagen.

Die Buchhandlung Heymann bot die Bücher der Autoren an ihrem Büchertisch an, darunter auch Markaris' aktuellen neuen Polit-Krimi "Offshore". Gern waren die Schriftsteller bereit, ihre Bücher zu signieren.

Harbour Front-Lesung mit Gaye Boralıoğlu

Die Autorin Gaye Boralıoğlu bestritt die dritte und für diesen Tag letzte Lesung. Sabine Adatepe, die bereits am Morgen sehr kenntnisreich die Situation türkischer SchriftstellerInnen dargestellt hatte, moderierte und übersetzte - die Lyrikerin Safiye Can las die deutschen Texte. 2004 wurde der Debütroman von Gaye Boralıoğlu veröffentlicht. Nun liegt "Der Fall Ibrahim", übersetzt vom Berliner binooki Verlag, der in diesem Jahr mit dem Kairos-Preis der Alfred Töpfer Stiftung ausgezeichnet wurde, in deutscher Sprache vor. 

Das Buch beginnt am 11. September 2001 mit Ibrahims Verschwinden. Eine Journalistin und ein Fotograf begeben sich auf die Suche nach dem jungen Mann. Was die beiden finden, ist ein 24 Reportagen und Fotografien umfassendes Dossier mit der Aufschrift "Der Fall Ibrahim". In den Leseproben kamen Ibrahims Lehrer und ein Barmädchen zu Wort, die jeweils aus ihrer Sicht den jungen Mann beschreiben und dabei viel über sich preisgeben. 

Autorin Gaye Boralıoğlu

"Wir leben in der Türkei in einer sehr repressiven Situation. Ich habe versucht, dies in meinem Roman darzustellen" sagte die Autorin im Interview. Dabei liegt ihr besonders die Situation der Frauen sehr am Herzen.

Ihre Literatur bezeichnete sie als eine Art "Ausgrabung" ihrer eigenen Identität. Zurzeit schreibt Gaye Boralıoğlu in Österreich, wo sie im Literaturhaus zu Gast ist, an den letzten Kapiteln ihres neuen Romans.