Buchtipps zum Wochenende

Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah

Sarah Politt, Zentralbibliothek:

Gerade lese ich das Buch "Americanah" von Chimamanda Ngozi Adichie. Ich bin erst bei der Hälfte des gut 600 Seiten umfassenden Romans angekommen kann aber jetzt schon sagen, dass es eines meiner Lieblingsbücher sein wird. Hauptfigur ist Ifemele, eine junge Frau. Sie verlässt ihre Heimat Nigeria wegen der Folgen der Militärdiktatur. Sie geht zum Studieren in die USA und ist mit einer Kultur konfrontiert, die wenig mit der ihres Ursprungslandes zu tun hat und auch wenig mit ihren Vorstellungen von den USA, die sie durch das Fernsehen und andere Medien gewonnen hat. Das Buch ist in einem Schreibstil verfasst, der einem das Lesen wirklich schmackhaft macht und nahebringt. Es behandelt die Themen Liebe, Rassismus, Missbrauch, Entfremdung und die emotionale Bindung an Familie und Freunde. Die Themen werden von der Autorin wertfrei und ohne erhobenen Zeigefinger völlig natürlich und mit viel Empathie für die Charaktere beschrieben.

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Mariam Kühsel-Hussaini: Tschudi

Anne Barckow, Zentralbibliothek:

Um es vorweg zu nehmen: Dieses Buch ist ein bisschen anstrengend. Schnelle Szenen- und Perspektivwechsel fordern durchaus Konzentration und Wachsamkeit. Trotzdem ist dieser Titel mein persönlicher Favorit der letzten Wochen. Ich habe mich sehr gerne und dankbar von der Berliner afghanischstämmigen Autorin in das Berlin der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entführen lassen, in die Welt von Kunsthistorikern, Malern, Literaten, Journalisten, Politikern und des Kaisers.

Jeder scheint jeden zu kennen, die persönlichen Verflechtungen wirken noch enger als heutzutage. Durch den Roman Einblick in Arbeit und Leben des Museumsdirektors Hugo von Tschudi (1851-1911) zu gewinnen, ist faszinierend. Auch durch die zauberhafte, nur stellenweise etwas überzeichnet wirkende Sprache fühlt man sich in einer komplett anderen Welt. Das ist sehr wohltuend in einer Zeit, wo die eigene Welt Kopf steht. Und trotzdem: So weit entfernt die geschilderten Ereignisse wirken, so gut kann man sich Parallelen zur Arbeit heutiger Kulturschaffender auch in leitenden Positionen vorstellen. An innovativen Ideen und Experimentierfreude scheiden sich die Geister und auch die Presse: Begeisterten Anhängern stehen scharfe, durchaus mächtige Kritiker gegenüber.

Wie sehr auch die als in jeder Hinsicht als groß skizzierte Person Tschudis mit psychologischen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, veranschaulicht die unheilbare Wolfskrankheit, die den Museumsdirektor entstellt.

Für mich war die Lektüre des Romans ein großes Vergnügen, und gleichzeitig füttert sie den Hunger auf Kunst und Museumsbesuche.

Digital gibt es den Roman bei den Bücherhallen bisher als eAudio. Ich habe der schnellen Szenenwechsel wegen das Lesen vorgezogen, mir aber sagen lassen, die Autorin habe ihr Werk sehr, sehr gut eingelesen.

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Philip Schlaffer: Hass. Macht. Gewalt.

Ruth Jäger, Zentralbibliothek:

Der wohl bekannteste norddeutsche Ex-Neonazi, "multikriminelle Intensivtäter" und Ex-"Nazi-Rocker" arbeitet heute in der Gewaltprävention und trainiert Jugendliche, deren Aggressivität ihre Lehrer überfordert. Diese Biografie beschreibt, wie er sich früh radikalisiert und später die "Kameradschaft Werwolf" gründet und führt, die sich in Wismar auf den "Tag-X" der rechten Machtübernahme vorbereitet. Straffe Hierarchien, Alkohol- und Gewaltexzesse, Geldgier und Elitedenken gehören zum Alltag. Seine Hinwendung zu Rockern, zum Rotlichtmilieu und zu Drogen markieren dann eine erste Abwendung von der rechten Ideologie. Er verbleibt jedoch in Gewaltstrukturen, die ihn zunehmend kaputt machen. Erst im Knast geschieht der echte Sinneswandel, den Schlaffer auf YouTube glaubhaft vertritt. Mithilfe von Buddhismus und Psychotherapie verändert er sich nachhaltig. Es lohnt sich sehr das eine oder andere Video anzuschauen. Sein Buch will aufklären und abschrecken. Manche Action-Szenen sind allerdings leider fast heroisierend. Trotzdem eine beeindruckende Aussteiger-Biografie.

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