Worte auf Papier und ein Füllfederhalter

... und noch eine Schreibwerkstatt

Wie schon in der Schreibwerkstatt im Juni, entstanden am 20. Juli 2019 mit Schreibspielen und Spaß am geschriebenen Wort in der Jugendbibliothek Hoeb4U tolle Geschichten.

Beim Schreibspiel "Genre-Mix" beginnt jeder Teilnehmer damit, in einem vorgegebenen Genre einen Text zu verfassen. Nach einiger Zeit werden die angefangenen Geschichten reihum weitergegeben. Die jeweils nächste Person führt die Geschichte fort, allerdings nun in einem anderen Genre. In dieser Schreibwerksatt wurden die Genren "Historischer Roman", "Krimi" und "Fantasy" gewählt. So entstanden kurze Stories, die eines gemein hatten: Keine endete so, wie vom Autor am Anfang gedacht.

Neugierig geworden, dann lies hier: Es war ein heißer Julitag als das Schiff im New Yorker Hafen anlegte. Das war nicht ungewöhnlich, es hatte dieses Jahr schon viele heiße Tage gegeben. Und viele Schiffe, gefüllt mit irischen Immigranten, die vor einem Feind flohen, wie ihn die Welt bis vor kurzem noch nicht gekannt hatte: den Kartoffelkäfer.

Anders als die meisten in der Stadt hatte ich nichts gegen die Iren. Ich hatte eine Wohnung und eine Arbeit und würde beides behalten – einer der Vorteile wenn man… na ja… selbstständig war. Taschendieb war ein Arbeitsplatz mit hervorragenden Zukunftsaussichten. Die Iren zu bestehlen, die sich gerade vom Boot drängten, wäre ebenso einfach wie sinnlos gewesen. Sie hatten nicht viel bei sich. Außerdem war ich ihnen in Sachen Armut ähnlicher als ich zugeben mochte, und sie zu bestehlen hätte einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Ich war ausnahmsweise auch gar nicht hier um etwas zu stehlen, sondern um etwas zu übergeben.

Meine Schritte beschleunigend eilte ich an der Hafenmauer entlang, der Schweiß ließ meine Haare im Nacken kleben. Ich spielte das Treffen als Probe in meinem Kopf ab, malte mir den Dialog mit ihm aus, nur um nicht an die letzten Tage denken zu müssen. Ich hatte bisher ganz gut geschafft es zu verdrängen. Als ich an seinem Häuschen hinter dem hinteren Steg von Abschnitt B ankam und die Tür öffnete, sah ich in seinen Augen dass er es wusste. Er wusste alles. Langsam und bedacht, wie um mich extra zu demütigen, sprach er "Dreißig. Kinder."

Und da kam alles zurück, das Blut, das unendliche Geschrei und die schweren gewaltigen Hände, die mein Innerstes führten. "Ich weiß. Ich war da." Meine Finger umfassten das kleine Paket; mein Kopf war wie leer gefegt, alles was ich mir vorgenommen hatte zu sagen, schien weit, weit weg von mir zu sein. "Du hättest sie aufhalten können", sagte er, sein Ton nun vorwurfsvoll. "Zumindest ablenken."

Ich zog meinen Kopf ein. Vor meinem geistigen Auge spielte sich das Gemetzel erneut ab. Damals war ich wie erstarrt gewesen. Ich wusste, ich hätte handeln sollen. Hätte tricksen und feilschen sollen, um den Kindern zumindest eine Chance zum Weglaufen zu geben. "Ich weiß."

"Du tust als wärst du ihr Beschützer. Doch als sie dich brauchten, warst du nutzlos." Er sprach das letzte Wort mit solch einer Verachtung, dass es mir kalt den Rücken runter lief. Ich schob langsam meine Hand vor und präsentierte die kleine Box, die ich ihm geben wollte. Er rang offensichtlich mit sich selbst, wollte wohl nichts von mir annehmen. Ich verstand das, trotzdem tat es weh. Es war ja nicht einmal von mir. Nur etwas das ich hätte überliefern sollen, bevor es zu spät war. Doch dann kam der Überfall. Und ich hatte bloß zugesehen.

"Nimm es", sagte ich leise. "Es ist von ihr." Er horchte auf. Widerwillig schnappte er sich die Box aus meinen kalten Händen. Bei der Berührung schauderte er. "Es tut mir wirklich leid", versuchte ich. Er schüttelte nur den Kopf. "Das ganze Blut…". "Vergiss es." Seine Stimme klang belegt. "Geh und hau ab bevor ich es mir anders überlege und dich doch noch verpfeife." Ich sah seinen Augen an, dass er es ernst meinte, was ich ihm unter den gegebenen Umständen nicht verdenken konnte. Schließlich drohte allen, die uns Vampire unterstützten, die Todesstrafe.