Cover von drei Büchern aus der Reihe "Little People, BIG DREAMS"

Vorbilder gesucht: Rom*nja und Sinti*za in Kinderbüchern

Diversitätssensible Kinderbücher sind gefragt, denn jedes Kind braucht positive Identifikationsmöglichkeiten, um selbstbewusst heranzuwachsen. Das merken auch die Mitarbeitenden in der Bücherhalle Wilhelmsburg, die nicht nur von Eltern, sondern auch von Lehrkräften und Erzieher*innen häufig um Buchtipps zum Thema Vielfalt und Diversität gebeten werden. Aber Kinderbücher, in denen Kinder of Colour, Schwarze Kinder oder auch Kinder von Minderheiten als positive und aktiv handelnde Hauptpersonen auftreten, sind noch immer rar, wenngleich die Verlage langsam auf die gestiegene Nachfrage reagieren.

Ein gelungenes Beispiel ist die Kinderbuchreihe "Little People, BIG DREAMS" des Suhrkamp-Verlags, die die Lebensgeschichten großer Persönlichkeiten – von Muhammad Ali bis Michelle Obama - kindgerecht und empowernd erzählt. Quasi nicht vorhanden auf dem Buchmarkt sind jedoch Kinderbücher in denen Sinti*ze und Rom*nja repräsentiert werden.

Shlica Weiß, Koordinatorin von mer kekhne – wir zusammen einem Projekt für Sinti*ze und Rom*nja in Billstedt und selbst Sinteza, erinnert sich: "In meiner Kindheit gab es Sinti- und Roma-Kinder in Büchern nicht. Das hat mir sehr gefehlt und als ich dann selber Mutter wurde, fehlte es meinen Kindern ebenso." Viel geändert hat sich seitdem nicht. In den letzten Jahren ist lediglich ein Kinderbuch mit Roma- und Sinti-Charakteren als Heldinnen der Geschichte erschienen. Bezeichnenderweise wurde aber auch dieses Buch nicht von einem renommierten Kinderbuchverlag veröffentlicht, sondern ist im Selbstverlag erschienen. Mittlerweile ist es – aufgrund der hohen Nachfrage - vergriffen und die Neuauflage wird sehnlichst erwartet.

Auch Sabine von Eitzen, Leiterin der Bücherhalle Wilhelmsburg, beschäftigt die Frage: "Wie können wir Sinti- und Roma-Kinder fürs Lesen begeistern, wenn diese in Kinderbüchern als Akteur*innen schlicht nicht existent sind?"

Zwei Stadtteile, Billstedt und Wilhelmsburg, zwei sehr unterschiedliche Institutionen und doch bewegt beide die gleiche Fragestellung. Manchmal braucht es dann nur noch einen kleinen Anstoß, um eine Aktion auszulösen und dieser Anstoß kam von der engagierten Wilhelmsburger Stadtteilbeirätin Sonja Weimer, die beide miteinander in Kontakt brachte. Die Stadtteilbeirätin ist sich der Diskriminierung von Sinti*ze und Rom*nja sehr bewusst und fordert eine breite gesellschaftliche Debatte. Gerade hat sie in einer Deutschaufgabe für Kinder der 3. Klasse einer Hamburger Schule das Z-Wort entdeckt, das dort als ganz normal zu lernendes Wort auftaucht.

Drei Frauen: Sonja Weimer, Shlica Weiß, Sabine von Eitzen

Gemeinsam schrieben die drei einen Brief an den Suhrkamp-Verlag, in dem sie auf die große Unsichtbarkeit der Gruppe im öffentlichen Leben hinwiesen und fragten, ob es nicht möglich wäre, eine engagierte Sinteza oder einen berühmten Sinto aus der Community in der Kinderbilderbuchreihe "Little people, BIG DREAMS" vorzustellen. An Persönlichkeiten, die sich als positive Vorbilder eignen, mangelt es definitiv nicht. Da wäre der berühmte Sinto-Musiker Django Reinhardt, die österreichische Schriftstellerin und Holocaustüberlebende Ceija Stojka oder die Demokratieaktivistin und Holocaustüberlebende Philomena Franz, um nur einige zu nennen.

Die Antwort des Suhrkamp-Verlags fiel jedoch ernüchternd aus. Man bedanke sich für die Vorschläge, hätte jedoch wenig Möglichkeiten, Einfluss auf die Programmgestaltung zu nehmen, da die Bücher als Lizenz von einem britischen Verlag eingekauft werden. Allerdings gäbe es in Spanien bereits einen Band der Reihe über Carmen Amaya, einer bekannten Flamenco-Tänzerin aus der Community der Rom*nja. Ob und wann dieser Band jedoch in Deutschland veröffentlicht werden würde, sei nicht bekannt.

Doch Sozialpädagogin und Aktivistin Shlica Weiß will sich mit der Marginalisierung der Sinti*ze und Rom*nja in der Kinderliteratur nicht mehr abfinden und hat deshalb beschlossen, endlich einen langgehegten Traum umzusetzen und selbst ein Buch zu schreiben. Sie erklärt: "Ich dachte immer, wenn du mal Zeit hast und deine Kinder groß sind, dann schreibst du selbst ein Kinderbuch. Diese Idee hatte ich eigentlich schon seit meiner frühen Jugend und jetzt habe ich Zeit, Lust, Netzwerke und unterstützende Personen um mich herum und jetzt wird das Kinderbuch geschrieben, damit sich zumindest zukünftige Generationen von Sinti- und Roma-Kindern dort wiederfinden – positiv und als handelnde, aktive Personen."

Neben einer spannenden Geschichte mit tollen Charakteren wird das Buch auch Wissenswertes über die Geschichte und Kultur der Sinti und Roma vermitteln. Die Illustration gestaltet die in Wilhelmsburg lebende Künstlerin Josefine Taape und die Bücherhalle Wilhelmsburg freut sich bereits jetzt auf eine Lesung mit der Autorin.